Let’s get unbequem: Gibt es Rassismus gegen weiße Menschen?
Wir von Vielfalt Spricht beschäftigen uns gerne mit komplexen Fragen. Was wir den Fragenden allerdings nie entgegensetzen, sind einfache Antworten.
Kann ein weißer Mensch aufgrund seiner Hautfarbe oder zugeschriebenen Herkunft beleidigt, stereotypisiert, benachteiligt oder ausgeschlossen werden?
Ja. Sicher.
Die Hautfarbe macht eine solche Erfahrung weder unwirklich noch weniger verletzend.
Damit könnten wir fertig sein.
Sind wir aber nicht.
„Rassismus“ wird unterschiedlich definiert. Verstehen wir darunter die Abwertung eines Menschen aufgrund zugeschriebener ethnischer oder äußerlicher Merkmale, dann lautet die Antwort: Ja.
Andere (wissenschaftliche) Ansätze verstehen Rassismus als historisch gewachsenes Machtverhältnis, das sich in der gesellschaftlichen Struktur verfestigt. Wie das aussieht, zeigen u.a. sogenannte Testing-Studien:
Bei einem Dortmunder Testing des Planerladens (2007) wurden 150 Vermieter:innen mit inhaltlich identischen Wohnungsanfragen kontaktiert, einmal unter einem offensichtlich deutschen, einmal unter einem offensichtlich türkischen Namen.
42 Prozent antworteten ausschließlich auf den deutschen Namen.
Gleiche Anfrage.
Andere zugeschriebene Herkunft.
Andere Chance.
Unter diesem strukturellen Rassismusverständnis verändert sich die Antwort zu: „Rassismus gegen Weiße innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft gibt es nicht.“ Denn diese Gruppe wird aufgrund ihres Weißseins nicht systematisch benachteiligt, vielmehr bevorteilt. Rassismus meint hier also nicht (nur) individuelles Vorurteil, sondern dessen Verknüpfung mit der gesellschaftlich evidenten Tendenz zu Macht.
Wir erkennen zwei Positionen, die erbittert um die für sie passende Antwort streiten. Allerdings, ohne dieselbe Frage zu stellen. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah beschäftigt sich in seinem Werk „Identitäten“ (2018) intensiv mit unserem Bedürfnis, Menschen über Kategorien wie Herkunft, Religion oder ethnische Zugehörigkeit zu verstehen. Er schreibt, dass Identitäten nicht naturgegeben, sondern historisch entstanden, gesellschaftlich mit Bedeutung aufgeladen und mit Erwartungen verbunden sind.
Wir können deshalb mehrere Dinge gleichzeitig denken:
• Ein weißer Mensch kann aufgrund seiner Hautfarbe abgewertet werden.
• Rassismus kann mehr beschreiben als eine individuelle Abwertung.
• Historische gewachsene Machtverhältnisse beeinflussen die Folgen solcher Zuschreibungen.
Wir müssen keine dieser Ebenen leugnen, um die anderen ernst zu nehmen.
Perspektivenvielfalt ist kein Wettbewerb. Sie bedeutet, einen Gegenstand aus unterschiedlichem Erleben zu betrachten, anstatt bequeme Antworten aus der Kanone zu schießen. Darum ist es smart, komplexen Fragen mit einer Gegenfrage zu begegnen:
„Was genau meinst du eigentlich, wenn du von Rassismus sprichst?“.
Erst klären wir die Verständnisebene, dann finden wir unsere Antwort.
Komplex bleibt sie allemal.