25. September 2026

Verbale Deeskalation: Mach deinen Körper zum Verbündeten!

Die Frau auf dem Bild ist total nett. Wirklich.
Sie fragt dich, wie es dir geht.
Sie interessiert sich für deinen Tag.
Sie fragt nach deinen Kindern, den Haustieren, den Zimmerpflanzen.
Wenn du missgestimmt bist, merkt sie es.
Dann kommt sie dir unvermittelt nah.
Unangenehm nah.
Hautnah.
Sie spürt deinen Atem.
Und du ihren.
So geschehen gestern in meinem Training „Verbale Deeskalation im Bürger:innenkontakt“.
Zum Glück hatte ich vorher Zähne geputzt.

Ich frage die Gruppe:
„Stell dir vor, ein aufgebrachter Kunde durchbricht deine Distanzzone. Er kommt immer näher. Wirklich nah. Was tust du?“.
Die Antworten kommen sofort:
„Ich sage ihm, dass er Abstand halten soll.“
„Auf jeden Fall!“
„Ich würde das ansprechen!“
Energische Einigkeit im Raum.
Und ich denke: Let’s give it a try!

Während ich also hochkompetent über die Wirkung von Körpersprache schwadroniere, bewege ich mich auf die Teilnehmenden zu.
Komme nah.
Noch näher.
So nah, dass ich sie berühre.
Tschüss Theorie, hallo Feldversuch!

Und tatsächlich sagen sie:
„Katharina, könntest du bitte ein bisschen Abstand nehmen?“
„Gehst du bitte etwas zurück.“
„Das finde ich jetzt leicht unangenehm.“
Sie sagen es lächelnd, lieblich und leise.

Der Blickkontakt bricht ab.
Ihre Gestik wird eingeschränkt.
Ich merke, wie sie die Oberkörper von mir wegdrehen wollen, doch sie tun es nicht.
Die Anspannung steigt.
Jeder Gesichtsausdruck schreit:
KATHARINA! HAU AB!
Aber ihre Körper sagen:
Hier verändert sich gerade kaum etwas.
Niemand macht einen Schritt.
Also mache ich auch keinen.

In seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ beschreibt Daniel Kahneman zwei Arten der Informationsverarbeitung. Ein großer Teil unserer Wahrnehmung läuft schnell, automatisch und intuitiv ab. Nonverbale Signale wie Nähe, Haltung und Bewegung können sehr unmittelbar wirken. Wenn Worte, Stimme und Körper dabei Unterschiedliches erzählen, entsteht Inkongruenz, die unsere Grenzsetzung schwächt.
Eben viel zu lächelnd, lieblich und leise.

Hinzu kommt: Wer körperlich unbeweglich bleibt, verkleinert seinen eigenen Handlungsspielraum und damit die Möglichkeit, Selbstwirksamkeit zu erleben.
Keine schöne Sache!

Um all das zu vermeiden, mache ich meine Grenze körperlich sichtbar. Wenn ich Abstand möchte, leade ich mit meinem Körper:
Ich mache einen Schritt zurück.
Versetze mich seitlich.
Stehe auf.
Schaffe Raum.
Ich zeige dem Gegenüber unmissverständlich, dass ich Distanz herstellen möchte.
Ich äußere die Grenze verbal und mein Körper folgt stimmig meinen Worten.

Darum mein Appell im Falle unfreiwilliger Nähe:
Wahrt Bewegungsfreiheit.
Lasst Taten sprechen durch eure Bewegungen.
Und haltet euch fern von netten Frauen, die euch fragen, wie es eurem Kaktus geht.
Nicht umsonst lautet ihre Mehrzahl Kaktusse!

Herzliche Grüße aus dem Habitat von Katharina Schultejans (Ptok), Walküre bei Vielfalt Spricht.