Türkei, August 2007.
Ich, Katharina von Vielfalt Spricht, bin 20 Jahre alt und arbeite als Grabungspraktikantin unter Dr. Elmar Schwertheim in Alexandria Troas, einer antiken Stätte an der türkischen Küste nahe Çanakkale.
Gemeinsam mit gut 20 Archäologiestudierenden wohne ich in einem Haus im abgelegenen Örtchen Dalyan. Das Dorf ist klein: eine Moschee, ein Teehaus, ein Kiosk. Abends versammeln sich die Frauen vor unserem Haus auf der Straße und unterhalten sich. Fünf Wochen lang begrüße ich sie herzlich mit „Günaydın“ – guten Morgen. In der sechsten Woche wechsle ich endlich zum korrekten „İyi akşamlar“ – guten Abend.
Ich ernte tosenden Applaus.
Meine eigenen Abende verbringe ich häufig allein mit Spaziergängen durch die mediterrane Landschaft. Überall stehen Feigenbäume. Und weil ich den festen Glauben habe, Feigen wüchsen hier ungefähr so frei wie bei uns Brombeeren, pflücke ich die reifen Früchte und lasse sie mir schmecken.
Jeden Abend.
Wochenlang.
Eines späten Nachmittags werde ich zum Eingangstor gerufen.
„Das gibt Ärger“, sagt ein Kollege hämisch.
Ich habe keinen Schimmer, worum es geht. Als ich das Tor öffne, stehen dort mindestens zwölf Menschen aus dem Dorf. Vorne ein älterer, freundlich blickender Mann mit einem großen Tablett in den Händen.
Darauf: eine gewaltige Menge frischer Feigen.
Er zeigt auf mich und lächelt. Die Früchte sind ein Geschenk. Ich bedanke mich, etwas ratlos, mit Händen, Füßen und einer kleinen Verbeugung.
Später erklärt mir meine türkische Kollegin Zeynep, dass die Feigenbäume den Bauernfamilien gehören. Ihre Ernte dient ihrem Lebensunterhalt.
„Du kannst die Feigen nicht einfach pflücken“, sagt sie lächelnd. „Das Tablett ist eine sehr freundliche Art, dich darauf hinzuweisen.“
Ich verstehe:
Grenzziehung durch Großmut.
Ich schlucke hart, als ich mir vorstelle, wie ein Dortmunder Schrebergärtner vermutlich reagiert hätte, wenn ich mich wochenlang an seinen Tomaten bedient hätte.
Man muss sie erst einmal verstehen, diese kulturellen Feinheiten.
Fast 20 Jahre später stehe ich im Studieninstitut Ruhr und schule Praxisanleitungen der Stadt Dortmund im Umgang mit unterschiedlichen Kulturen und Generationen. „Zwischen den Generationen und Kulturen“ heißt unsere Schulung von Vielfalt Spricht .
Dabei geht es um genau solche Selbstverständlichkeiten:
Was erscheint uns vollkommen normal?
Was halten wir für höflich, unhöflich oder übergriffig?
Was ist tatsächlich selbstverständlich und was lediglich erlernt?
In meinen Trainings mache ich deshalb im Grunde dasselbe wie die Feigenbauern damals mit mir:
Ich irritiere dich.
Damit du deine eigene kulturelle und generationale Brille bemerkst.
Und mit diesem Wissen genauer hinschauen kannst, ob ein Geschenk ein Geschenk ist, oder doch eine ausgesprochen freundliche Grenze.
Vielleicht sehen wir uns mal, ich würde mich freuen!
Deine Katharina von Vielfalt Spricht